Meinung
Wie die Klagemauer zu meinem Lieblingsort wurde
Seit ich mich erinnern kann, war die Klagemauer für mich immer ein Synonym für Israel. Sie war auf jedem Plakat in der hebräischen Schule zu sehen, hing an den Wänden jeder Synagoge und war in jede Zedaka-Kasse eingraviert. Doch erst als ich tatsächlich dort stand – nur zwei Tage nach dem Krieg – wurde mir die wahre Schönheit des Ortes bewusst, den wir unser Zuhause nennen.
Ich hatte die Gelegenheit, die letzten zweieinhalb Monate an der Alexander-Muss-Highschool in Israel zu verbringen, und fast ein Drittel dieser Zeit saßen wir wegen des Krieges auf dem Campus fest. In dieser Zeit lernte ich eine andere Seite Israels kennen, jenseits der Sehenswürdigkeiten und Ausflüge. Ich spürte die Angst, nur wenige Minuten Zeit zu haben, um sicher einen Schutzraum zu finden, den Stress, mitanzusehen, wie Pläne fast täglich zunichte gemacht wurden, aber vor allem sah ich die Widerstandsfähigkeit und den Zusammenhalt, die die Menschen am Leben halten. Während des gesamten Krieges wusste ich, dass ich mich nicht nur auf meine Freunde, sondern auch auf völlig Fremde verlassen konnte, die mir halfen, wenn ich Hilfe brauchte.
Am Klagemauer wird dies besonders deutlich. Sobald man den Ort betritt, verändert sich die Atmosphäre schlagartig. Man sieht Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, die, jeder in seine eigenen Gedanken versunken, in ihren stillen Ecken stehen. Selbst an diesem Tag der Wiedereröffnung, an dem sich seit Kriegsende wieder Menschenmengen versammeln, herrscht ein natürlicher, unausgesprochener Rhythmus: Alle arbeiten zusammen, warten abwechselnd darauf, an die Steine zu gelangen, und helfen einander behutsam dabei, sich im Raum zurechtzufinden.
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